DIE ENTSTEHUNG EINER BESONDEREN KULTUR: GROßBRITANNIEN

Sources : Jacques Demorgon Interkulturelle Geschichte der Gesellschaften – (Kapitel XII – 184-223)

auf Deutsch – Traduction inédite de J. Demorgon: L’HISTOIRE INTERCULTURELLE DES SOCIÉTÉS Chapitre XII. Genèse culturelle singulière de la Grande-Bretagne, pp.174-210 .

  • Einleitung
  • I./ Ein erstes Jahrtausend voller Gegensätze: Einheit durch Römer und Christentum, Vielfalt durch Eroberer
  • II. Von der Monarchie zur « bürgerlichen » Regierung: Das Parlament und die Freiheit der Elite, sich selbst zu regieren
  • III. Ungleichheit und Freiheit in der Strategien der ôkonomischen Akteure
  • IV. Die erste große Handels- und Industrienation der Welt. Der Stolz auf den Erfolg
  • V. Historische Entwicklung von nationalen Kulturen und kulturell geprägten Verhaltensweisen der Menschen 
  • VI. Negative Entwicklung und Identitätskrise : Oszillationen bei adaptiven Antagonismen und Veränderung oder Nichtveränderung des kulturellen Verhaltens
  • Ausgewählte Literatur

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Kapitel XII. Die Entstehung einer besonderen Kultur: Großbritannien

Einleitung

Jede große historische Kultur- und Gesellschaftsform hat bekanntlich eine Zeit, in der sie als die eigentliche kulturell schöpferische, treibende Kraft hervortritt und, allmählich erstarkend, schließlich alles durchdringt. Zwar hat sie noch nicht ganz die Oberhand gewonnen, doch steht dies dank der vielen von ihr hervorgebrachten neuen Fähigkeiten und Leistungen unmittelbar bevor. Die alte Kultur- und Gesellschaftsfonn ist deshalb jedoch nicht etwa verschwunden. Sie bleibt einerseits hier und da als Isolat erhalten und bildet andererseits innerhalb der nun dominierenden großen Kultur- und Gesellschaftsform einen Widerstand, der oft zu einer weitreichenden und komplexen Interkulturation führt.
Vor dreitausend Jahren stand die Ausdifferenzierung der Gesellschaften und ihrer Kulturen hauptsächlich im Zeichen der Kultur der Gesellschaften mit Gemeinschaftscharakter. Diese hatte damals ihr Endstadium erreicht und war im Begriff, von einer neuen großen Kultur- und Gesellschaftsform überholt zu werden, die sich in Gestalt größerer und stärker geeinter Gesellschaften ankündigte, die bereits der Kultur der Königund Kaiserreiche nahe standen. Im Mittleren Osten, in Ägypten, in China war der Übergang zu dieser neuen großen Kultur- und Gesellschaftsform bereits vollzogen (Kap. VII), in Europa erfolgte er erst im Laufe des letzten vorchristlichen Jahrtausends, zum Beispiel bei den Latinern (Eutrurien), den Römem, aber auch bei den Griechen und bei den Juden (Buch der Könige).

Weite Teile Europas dagegen scheinen von dieser neuen Kultur- und Gesellschaftsform gar nicht erfasst worden zu sein, sondern bildeten andere, eigene Formen aus, die auch als solche untersucht und verstanden werden müssen: Man hat sie als Stammesbündnisse zwischen den Eroberern oder als Nomadenreiche bezeichnet (1). Beide Auffassungen lassen sich vertreten, ebenso wie eine Reihe weiterer Erklärungen. In Gestalt dessen, was man — in Ermangelung eines besseren Begriffs — die « Völkerwanderung » genannt hat, blieben diese besonderen Gesellschaftsfonnen auch noch während des ersten        clristlichen Jahrtausends wirksam. (1) G. Chaliand, Les empires nomades. De la Mongolei au Danube. 5e s. AEC-16e s. Perring, 1995.

So entwickelten sich die Kulturen Europas aus den alten, wenn auch emeuerten und verwandelten Verhaltensformen der beiden großen historischen Kulturformen, die an der Interkulturation beteiligt waren, der Kultur der Gesellschaften mit Gemeinschaftscharakter und der Kultur der König- und Kaiserreiche. Ausgangspunkt ist damit der entscheidende Gegensatz zwischen einem vom Römischen Reich und seiner Verwaltung beherrschten Europa und einem Europa, das sich dieser Herrschaft entzog und schließlich sogar ihren Sturz herbeifführte. Außerdem trat gerade in diesem Römischen Reich eine neue Religion auf, die sich konsolidierte und ausbreitete:das Christentum. Der stärker romanisierte Teil Europas ist auch der stärker christianisierte, während im nicht-romanisierten Teil Europas auch die Christianisierung schwach blieb und mit Unterbrechungen oder überhaupt verspätet erfolgte, in Skandinavien sogar um einJahrtausend.

Auch Großbritannien wird im Gegensatz zu dem früh romanisierten Frankreich nur partiell christianisiert. Die Römerstießen schon früh, nämlich 55 v. Chr., ein erstes Mal auf die Insel vor. 85 n. Chr. reicht das von den Römern eroberte Gebiet bis südlich des Clyde und erhält als Provinz den Namen Britannia. Ihre Bewohner, die Britannier, gehören wie die Gallier zum keltischen Kulturkreis. Um die Provinz zu schützen, bauen die Römer ihren berühmten « Limes » zwei Mal aus erst mit der Hadriansmauer (122 n. Chr.), dann mit der Antoniusmauer (142. n. Chr.). Im 2. und im 4. Jahrhundert erlebt die römische Kultur eine regelrechte Blüte (London und York), und nun fasst auch das Christentum ein erstes Mal Fuß. 411 aber geben die Römer die Insel auf. Ein letzter Appell im Jahre 446 bleibt wirkungslos. Nicht lange, und das Römische Reich wird endgültig untergehen. Die quantitative und qualitative Bedeutung von Romanisierung und Christianisierung beruht auf Ereignissen, die zwar nicht zu leugnen sind, an sich aber noch keine hinreichende Erklärung bieten.

Um eine solche zu finden, müssen wir auf einen gnmdlegenden Antagonismus zurückgehen, den Antagonismus von Einheit und Vielfaltüber den die Regulierung des Politischen erfolgt. Das Politische ist der Sektor, dessen Aktivitäten sich darauf richten müssen, diesen Gegensatz auszugleichen: Bei zu großer Vielfalt bricht die Gesellschaft auseinander, bei allzu sfrikter Vereinheitlichung wird ein großer Teil der Gesellschaft eliminiert und sie selbst um eben diesen Teil geschwächt.

Der eigentliche Sinn der Romanisierung wie der Christianisierung erschließt sich erst, wenn man davon ausgeht, dass beide durch ihre faktische Hegemonie, aber auch durch eine gewisse Sogwirkung eine auf Einheit gerichtete Perspektive bedingen. Diese auf Einheit gerichtete Perspektive betrifft zu Beginn des ersten christlichen Jahrtausends vor allem die Gesellschaftsorganisation (Romanisierung) und das Geistige (Christianisierung); beide Perspektiven verschmelzen jedoch schließlich miteinander. In Gallien fängt diese Verschmelzung mit der Bekehrung Clovis’ gerade erst an, konsolidiert sich aber schon mit Karl dem Großen. Dessen Krönung durch Papst Leo III, Weihnachten 800, stellt insofern ein wichtiges Datum dar, als mit ihm die Verbindung von religiöser und politischer Macht in der Gründung eines geeinten Kaiserreichs ihre besondere Ausprägung erhält.

Diese Einheit wird bekanntlich durch die Erbregelung, die eine Aufteilung unter den Söhnen vorsieht, wieder in Frage gestellt, dann aber durch mehr oder weniger zufällige Todesfälle oder auf dem friedlicheren Wege der Heiratspolitik wieder hergestellt.

Es gibt also immer mehrere Perspektiven, zwischen denen sich die menschlichen Strategien bewegen und die wir berücksichtigen müssen, um Aufschluss über die Entwicklung der europäischen Kulturen in ihrer jeweiligenBesonderheit zu erhalten. So wird in Frankreich, das ziemlich früh und also lange und gündlich romanisisert und christianisiert wurde, bereits ein erstes Mal der Anstoß zu einer Entwicklung in Richtung eines gewissen Primats der Einheit über die Vielfalt gegebenDie Territorien des späteren Deutschland hingegen sind bereits zweigeteilt. Der eine Teil gehört zu den Marken des Römischen Reichs; der größte Teil aber bleibt außerhalb des römischen wie des christlichen Einflusses. Wieder anders ist die Situation in England, das stärker als Deutschland, aber weniger stark als Frankreich romanisiert und christianisiert wurde. 

Hier sei noch eimnal daran erinnert, dass unsere Forschungsarbeiten nicht etwa den Sinn haben, einen historischen Überblick zu geben. Vielmehr gehen wir von bestimmten kulturellen Verhaltensweisen aus, die im heutigen Großbritannien häufig anzufreffen sind, etwa der eher impliziten, an bestimmten Punkten jedoch ausgeprägt expliziten Kommunikation oder dem starken Primat der Erfahrung, der hohen Wertschätzung der individuellen Freiheit, der geringeren Scheu vor dem Gedanken der Ungleichheit usw. Unser Ziel ist, zu verstehen, ob und wie sich die kulturellen Verhaltensweisen heutigerBritenaufdiese historischen Konstellationen zurückführen lassen. Dabei bedienen wir uns verschiedener Diagnostiken, an erster Stelle der Diagnostik, die bei der Art des Verhältnisses von Einheit und Vielfalt ansetzt, auf die unserer Ansicht nach die Tendenz zu einer nationalen Kultur der eher impliziten bzw. eher expliziten Kommunikation zurückzufihren ist. Im Rahmen dieser adaptiven Dynamik von Einheit und Vielfalt erweisen sich bestimmte Akteure als besonders gut geeignet, um ausgewogene Verhälmisse herbeizufihren, allen voran das Königtum. 

Dieses aber kann im Einvernehmen mit den Akteuren des Religiösen wie auch mit Adel und Bürgertum handeln oder sich ihnen entgegenstellen oder sich einmal mit ihnen, ein anderes Mal mit dem Volk verbünden. An der Geschichte Englands, wie wir sie hier darstellen wollen, lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie Kulturen langfristig aus den Interferenzen zwischen mehreren großen Kulturfonnen entstehen, hier den Kulturen der Gesellschaften mit Gemeinschaftscharakter, den König- und Kaiserreichen und den goßen Handelsnationen. Das Königtum tritt dabei als der historisch dominante Akteur hervor, gerät jedoch immer mehr unter die Kontolle der Akteure des Ökonomischen. Die Form, die diese Kontrolle in England annimmt, sind das Parlament, die adaptive Anpassung, die allmähliche Stärkung der bürgerlichen Freiheiten, die Umwandlung der fir ein Königreich charakteristischen Hierarchie in eine demokratisch verteilteUngleichheit. All diese Konstellationen bilden sich im Laufe der Geschichte Großbritanniens heraus, und unsere Aufgabe ist es, darzulegen, warum es auch heute noch wichtig ist, diese Geschichte zu kennen und vor allem zu verstehen.

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I./ Ein erstes Jahrtausend voller Gegensätze: Einheit durch Römer und Christentum, Vielfalt durch Eroberer

II. Von der Monarchie zur « bürgerlichen » Regierung: Das Parlament und die Freiheit der Elite, sich selbst zu regieren

  • III. Ungleichheit und Freiheit in der Strategien der ôkonomischen Akteure
  • IV. Die erste große Handels- und Industrienation der Welt. Der Stolz auf den Erfolg
  • V. Historische Entwicklung von nationalen Kulturen und kulturell geprägten Verhaltensweisen der Menschen 
  • VI. Negative Entwicklung und Identitätskrise : Oszillationen bei adaptiven Antagonismen und Veränderung oder Nichtveränderung des kulturellen Verhaltens
  • Ausgewählte Literatur
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