Die interkulturelle Analyse : Epistemologie und Methodologie

Sources : Kapitel IV. Die interkulturelle Analyse : Epistemologie und Methodologie In Jacques Demorgon :  Interkulturelle Geschichte der Gesellschaften –

Auf Deutsch – Traduction inédite (OFAJ-DFJW : Hella BEISTER ) de L’HISTOIRE INTERCULTURELLE DES SOCIÉTÉS Une information monde. 2e édition revue et augmentée Paris : Economica. Chapitre IV. L’Analyse interculturelle : Épistémologie, Méthodologie, p. 39-64. 

Kapitel IV. Die interkulturelle Analyse : Epistemologie und Methodologie

1./ Offene Fragen

Die interkulturellen Problematiken, auf die wir in sozialen Bereichen wie Bildung und Erziehung, Sozialarbeit und Gesundheitswesen, Wirtschaft und Industrie, Medien und Mediationen stoßen, sind konkret. Es gibt jedoch auch die allgemeinen, theoretischen Problematiken des Interkulturellen. Ihnen begegnen wir in Gestalt bestimmter Fragen, die immer wieder auftauchen und das praktische interkulturelle Engagement untergraben. Am häufigsten sind die folgenden:

  • Heißt von Kulturen sprechen nicht, dass man sich an oberflächlichen und vorübergehenden Unterschieden festhält und dem Rassismus den Boden bereitet?
  • Um von kulturellen Unterschieden sprechen zu können, muss man erst einmal glauben, dass es so etwas wie eine Kultur überhaupt gibt. Es gibt aber nur Individuen, die frei über ihr Verhalten bestimmen.
  • Dabei werden sie von neuen Sachverhalten beeinflusst, die es in der Vergangenheit noch gar nicht gab und von denen sie sich anregen lassen.
  • Natürlich kann man Verhaltensunterschiede feststellen, aber diese können alle möglichen Ursachen haben, weil die Situationen immer anders sind und sich auch die Personen je nach ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer Bildung und ihrem regionalen, beruflichen, und ideologischen Umfeld unterscheiden, und sicher auch je nach ihrer nationalen oder ethnischen Herkunft, aber bestimmt nicht mehr als bei anderen Merkrnalen auch.
  • Um aus diesen Unterschieden irgend etwas ableiten zu können, müsste man erst einmal bestimmen, wie wichtig sie jeweils sind; aber wie soll das gehen?
  • Sollte man nicht viel stärker mit den Ähnlichkeiten argumentieren?

An all den Positionen, die in diesen Fragen zum Ausdruck kommen, ist natürlich etwas Wahres. Deshalb können sie auch, so gegensätzlich sie auch sein mögen, alle nebeneinander bestehen. Die Polemiken haben den Vorzug, uns darauf aufinerksam zu machen, dass auch gegensätzliche Wahrheiten stimmen können, nämlich wenn man sie auf die Vielfalt und Komplexität der Situationen bezieht. Worauf es ankommt, ist also, diese Komplexität zu begreifen. Woraus besteht sie? Aus unterschiedlichen Orten und Zeiten und Organisationsformen von Gesellschaft – damit befasst sich die Geohistorie — und aus gegensätzlichen menschlichen Strategien – diese sind Gegenstand von Geopolitik und Geoökonomie. All dies spielt sich auf unterschiedlichen, interdependenten (vernetzten) sozialen Ebenen ab und findet schließlich seinen Ausdruck in bestimmten, von den Strategien der Akteure abhängigen Hierarchien. So ordnen sich Prozesse und Produkte zu kulturellen Merkmalen, die entsprechend ihrer Wieder- (oder Nicht-Wieder-) Verwendbarkeit in neuen Situationen ausgewählt, beibehalten, weitergegeben werden. Selten sind die Strategien der Akteure völlig neu. Meist beruhen sie auf früheren kulturellen Orientierungen. Kulturen und Strategien bilden ein lebendiges, interaktives, auf adaptive Synergie ausgerichtetes Netzwerk.

II./ Wie sind kulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede möglich? Situationen, Problematiken, Anpassungen

Die Frage ist berechtigt: Schließlich ist die Gattung Mensch eine reale biologische Einheit, die allerdings über ganz spezifische Anpassungsmöglichkeiten verfiigt. Im Vergleich zu anderen Gattungen gibt es fir Menschen nur wenige von der Natur vorgegebene Antworten. Damr stehen ihnen Mittel zur Verfigung, mit denen sie Antworten in der direkten Auseinandersetzung mit der Realität selbst konsfruieren können. Auf diese Weise haben sie die Möglichkeit zu einer Anpassung, die insofern besser ist, als sie sich mit den Entwicklungen des Umfelds selber weiterentwickelt. Infolgedessen müssen sie auch entscheiden, welche Antworten ausgewählt, beibehalten, weitergegeben werden sollen. Dies geschieht – oder unterbleibt – meist ohne ausdrückliche Entscheidung, sondern in Abhängigkeit von den mehr oder weniger gleichen oder ungleichen Erfahrungen, die sie im Laufe der Zeit machen. Wenn sich alles schnell ändert, haben Auswahl, Beibehaltung, Weitergabe keinen Sinn. Man welch ungeheure kulturelle Anstrengungen es die Menschen gekostet haben muss, um die Konstanten im Wandel zu entdecken und auszugestalten, um die Hierarchie zwischen dem, was bleibt, und dem, was sich ändert, immer wieder neu zu bestimmen und zu verbessern. Diese Anstrengung hat viele Etappen: Schrift, Logik und Mathematik, Wissenschaften, Künste, Technik — also die sich aus den besonderen Kulturen heraus entwickelnde „Kultur ». Die Technik bestand zunächst aus der Jagd- oder Schmiedetechnik. Die Mathematik des Pythagoras war noch religiös.

Allerdings vergessen die Menschen über dieser Anstrengung, dass die kulturellen Antworten von gestern schon morgen in die Irre ffhren können. Sie vergessen dies umso lieber, als sie möglichst nicht ohne Antwort dastehen wollen. Doch wie soll man andererseits die Antworten von gestern fir gut oder schlecht befinden, wenn man sie nicht immer wieder neu erprobt?

So machen die Menschen die schmerzhafte Entdeckung, dass bei jeder Anpassung ein unaufhebbarer Rest von Ungewissheit bleibt und dass diese Ungewissheit Angst macht. Die einen verlassen sich lieber auf die herkömmlichen Antworten und haben eine sehr hohe Wertschätzung der Kultur, die diese bewahrt und weitergibt; dies sind die Tradifionalisten. Die anderen ziehen es vor, nicht auf die herkömmlichen Antworten zu verauen und lieber die physischen und mentalen Fähigkeiten zur jeweils aktuellen Gestaltung neuer adaptiver Antwort auszubilden. Beide Orientierungen haben negative wie positive Folgen. Beide aber bleiben, wird nur eine von ihnen in Anspruch genommen, in ihrer adaptiven Leistung hinter jeder Anpassung zurück, bei der beide miteinander verbunden werden. Verbindungen dieser Art sind stets so heikel, dass sie nie ein fir allemal zustande kommen. Die Tage des Sfreits zwischen Traditionalisten und Modemisten – oder zwischen Tradition und Neugestaltung sind also noch lange nicht gezählt. Nie scheint diese Polemik erschöpft, und das ist auch gar nicht verwunderlich, entspricht sie doch genau dem Gegensatz zwischen zwei adaptiven Orientierungen, von denen keine allein das Monopol auf die richtige Anpassung hat. Jede besondere Anpassung muss mit einer variablen Verbindung dieser beiden Orientierungen arbeiten. Das eine Mal ist es richtig, sich fir die eher konservativen, mehr traditionsverhafteten Antworten zu entscheiden, denn sie haben sich schon mehrfach bewährt. Ein anderes Mal ist es besser, sich der Imovation und Neugestaltung zuzuwenden. Genau dies aber bedeutet Anpassung. Teils ist sie Gedächm.is und Gewohnheit und nutzt die Errungenschaften der Vergangenheit; teils wendet sie sich von ihnen ab, um Neues finden zu können. Dank dieser langfristigen Anpassungsarbeit sind wir in der Lage, unsere kulturellen Antworten einer ständigen Überprüfung zu unterziehen und dabei einige auszuscheiden, andere zu bestätigen und wieder andere zu verändem.

Kulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede sind also doppelt möglich. Sie entstehen direkt aus der Art und Weise, in der die Anpassung bei den sie gestaltenden Menschen vor sich geht, aber auch aus den vorgefundenen und eine Anpassung erzwingenden Situationen. Wir verstehen nun, dass die kulturellen Unterschiede und Ähnlichkeiten nicht, wie viele andere Ereignisse, einfach ein Produkt des Zufalls sind. Vielmehr stellen sie im Gegenteil dasErgebnis einer gegen den Zufall und die Ungewissheit gerichteten Anpassungsarbeit der Menschen dar.

III./ Die Verflechtung von externer und interner Interkulturalität

So ist jeder Einzelne in jeder konkreten Situation zu einer Anpassung gezwungen, die die situationsbedingten Anforderungen berücksichtigt. Diese aber sind oft gegensätzlich: « Öfftung, Schließung », « Einheit, Vielfalt », « Kontinuität – Veränderung », « Autorität – Freiheit », « Gleichheit – Ungleichheit, usw.

Jeder Einzelne ist damit in sich bereits interkulturell. Jede persönliche Kultur ist funktional das Produkt eines externen Antagonismus (der gegensätzlichen Pole einer Situation), der bei der Bildung der menschlichen Repräsentation verinnerlicht wird.

Dieser Vorgang der inneren Interkulturalität nun stellt an sich bereits eine Überprüfung dar, so dass die Übertragung auf das externe Interkulturelle (das Ich und das neu aufgetauchte, fremde Außen) als eine doppelte und damit eigentlich überflüssige Überprüfung erlebt wird. Man versucht, ihr erst einmal auszuweichen, indem man das andere negativ bestimmt.

Trotz dieser ganz realen Schwierigkeiten ist das externe Interkulturelle immer als Möglichkeit im internen Interkulturellen angelegt. Das Fremde ist bereits in uns selbst Eben hierauf beruht unsere Möglichkeit zur Anpassung. Doch sind wir auch dabei wieder zur Oszillation zwischen zwei Orientierungen gezwungen. Im Exfremfall wird dieser Teil unseres Selbst als fremd erlebt, als importiert. Man versucht, ihn aus sich auszutreiben, mm Beispiel durch Pathologien wie Delirium, Phobie, Halluzination. Oft wurde diese Austreibung von den Religionen übernommen, die zu diesem Zweck den Exorzismus erfanden. Oder aber dieser Teil von uns wird im Gegenteil als etwas akzeptiert, das ebenfalls wir selbst sind.

Es wäre falsch, sich zwischen diesen beiden Orientierungen entscheiden zu wollen. Es gibt nicht ein fir allemal das Fremde und das Ver&aute in uns, sondern nur die fortgesetzte adaptive Arbeit einer erfahrungsgeleiteten Transformation. Das externe Fremde kann gezähmt und zum akzeptierten, schließlich verfrauten internen Fremden gemacht werden. Umgekehrt aber kann aus dem internen Fremden, etwa bei Verlust des Selbstvertrauens oder einer nahestehenden Person, auch ein abgelehntes Fremdes werden. Dann sagt man, man kenne sich selbst nicht mehr, sei sich selber fremd geworden, erkenne das einst so Verfraute nicht wieder, sehe alles wie mit fremden Augen. Selbst bei einem Paar oder in einer Familie, die bis dahin harmonisch waren, können durch alters- und situationsbedingte Entwicklungen solche Gefihle auftreten.

IV./ Wechselnde Ebenen und Anforderungen des Interkulturellen

Noch in einem weiteren Zusammenhang wird leicht vergessen, wie komplex die Dinge sind: dann närnlich, wenn die zu einer gesellschaftlichen Gesamtheit gehörenden Personen und die gedankliche Repräsentation dieser Gesamtheit miteinander verwechselt werden. Die Möglichkeit zur Repräsentation dieser Gesamtheit ist in Wirklichkeit oft begrenzt, da bei einer solchen Repräsentation stets die fir das eigene persönliche oder berufliche Leben charakteristischen Situationen im Mittelpunkt stehen. So kommt es zu vielen Missverständnissen und Gegensätzen, denn die Frage, die da unter ein und demselben Begriff, närnlich dem Interkulturellen, abgehandelt wird, bezieht sich im Grunde auf ganz unterschiedliche Ebenen der Realität, wobei jeder Einzelne immer nur seine eigene fiir die richtige hält

Um beim Austausch das Erkennen der unterschiedlichen Orte und Zeiten des Interkulturellen zu erleichtern, sollen sie hier zunächst im Sinne von Ebenen formuliert werden. Mit ihrer Hilfe können wir einander als Personen erkennen, die sich gerade auf einer bestimmten Ebene befinden, brauchen einander nicht vorzuwerfen, dass wir uns nicht auf einer anderen Ebene befinden, und können uns doch zu einer Begegnung auf dieser « anderen Ebene » einladen. Nur dürfen wir uns mit diesem einfachen Sortieren nicht begnügen, denn hat man die Ebenen unterschieden, darf man darüber nicht vergessen, dass sie, wie schon zu Anfang gesagt, auch ineinandergreifen. Diese Ebenen des Interkulturellen sind:

  • das Lokale, das Zusammenleben, das Interpersonale, Mikrosoziologische;
  • der Vergleich mit dem Außen: die induktive Entdeckung des anderen, der anderen;
  • das eigene Sich-Einlassen auf die Beziehung zum anderen;
  • die eigene Veränderung in der Beziehung zum anderen:
  • das Verständnis und die Erklärung der interpersonalen Beziehung durch Zuordnung zu ihrem jeweiligen – mononationalen, binationalen, frinationalen, multinationalen Bezugsrahmen;
  • die Klärung der intemationalen Problematiken des Interkulturellen;
  • die Globalisierung: die Kultur der weltweiten Information und das weltweite Interkulturelle.

Es ist wichtig, sich diese Ebenen bewusst zu machen, sie zu bestimmen und zu unterscheiden. Aber der hierarchische Gesichtspunkt, unter dem dies geschieht, ist nur einer von vielen. Man geht von den kulturellen Problematiken zwischen Personen aus und kommt « aufsteigend » über die Gruppen und Organisationen zu den Regionen und Nationen usw. Diese Unterscheidungen sind nützlich, aber noch ganz grob, und müssen korrigiert und ergänzt werden.

Erstens nämlich sind diese Ebenen nicht homogen. Sie betreffen reale Akteure, Individuen, Gruppen von Individuen, die nicht voneinander zu tennen sind.

Zweitens finden sich Individuen und Gruppen auch auf den höheren Ebenen von Organisationen, Regionen, Nationen wieder. Die Verflechtung der Ebenen ist ganz real. Die interkulturellen Problematiken der Individuen lassen sich nicht Olme weiteres von denen der Gruppen trennen, denen sie angehören oder die ihre Bezugsgruppen sind. Die Kulturen von Regionen oder Nationen oder Unternehmen sind eben auch als Dimensionen der zwischen Individuen oder Gruppen auftretenden Problematiken präsent.

Schließlich ist die hier aufgestellte Hierarchie heute im Grunde so nicht mehr zu halten. Unternehmen zum Beispiel sind Organisationen, deren weltweite Ausdehnung und Prägnanz größer sein kann als die von Nationen, die unter Umständen gerade mal eine Million Einwohner haben. Die Nation ist ein Produkt der Geschichte, das sich im wesentlichen im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte. Im Kontext der Globalisierung ist sie heute teilweise in Frage gestellt. In diesem Kontext bekommt das Wort Region nun eine doppelte Bedeutung als Region einer Nation und als Welfregion. In der zweiten Bedeutung figt sie einer

Hierarchie, die gestern noch mit der Nation aufhörte, eine weitere Dimension hinzu. Und schließlich muss die Welt von nun an selber als eine spezifische Ebene der interkulturellen Problematiken betrachtet werden. 

Bei konkreten Analysen und Synthesen sollte man daher genau angeben, auf welche dieser Ebenen man sich bezieht und wie man sie gliedert, denn manche von ihnen können nur in ihrer Verbindung oder Verflechtung mit anderen betrachtet werden. Die Ebene der Nationen und die Ebene der weltweit operierenden multinationalen Konzerne etwa können heute einen Gegensatz, aber auch eine gemeinsame Ebene bilden.

V./ Interkulturelles als Ausgangspunkt, Interkulturelles als Ziel

Wir können die kulturellen und interkulturellen Problematiken nicht vertiefen, ohne sie auf die Geschichte zu beziehen. Dies sei an zwei Beispielen erläutert.

Lange vor dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens beschwerte sich ein in Slowenien lebender tschechischer Vater über eine staatliche Politik, die mit ihrer allzu weitgehenden Sorge um den Schutz von sprachlichen Minderheiten seiner Meinung nach auf deren

Abkapselung hinauslief, da sie dazu fihrte, dass sein Sohn eine tschechischsprachige Schule besuchen musste. Dieser Vater aber wollte eine Schule, in der Serbokroatisch gesprochen

VI./ Prägnanz oder Labilität des kulturellen Verhaltens

VII./ Die Theorie der fünf Gesemtkomplexe

  • 1./ Konkrete Situationen und strategische Freiheiten der Akteure
  • 2./ Die großen Kultur- und Gesellschaftsformen in der Menschheit
  • 3./ Das intersektorale Kräftefeld
  • 4./ Die besonderen Gesellschaften 
  • 5./ Die großen adaptativen Problematiken

VIII./ Die Methodologie der sechs Ansätze

  • Der Sektorenansatz
  • Der Strategienansatz
  • Der Dimensionenansatz
  • Der Selbst(des)organisationsansatz
  • Der Ansatz der komplementären Regulierung, auch achronischer bzw. Synchronischer Ansatz

Die sechs zusammengehörigen Ansätze zur Untersuchung der Kulturen

Bibliografie

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