V. Die symbolischen Universen, die die Graphosphäre und die Videosphäre begründen


V. Die symbolischen Universen, die die Graphosphäre und die Videosphäre 
begründen

1. Der « legitimierende Bezugsrahmen » in der Logosphäre war das « Göttliche« , wie es etwa Platon in Gestalt der ewigen « Ideen » zu fassen versuchte: das absolute Gute, Wahre, Schöne.

In der Graphosphäre besteht der legitimierende Bezugsrahmen aus den humanistischen Idealen, wie sie vor allem in der Renaissance formuliert wurden. Was darin deutlich wird, ist der Übergang von einem Philosophischen, das noch ganz dicht am Religiösen ist, zu einem Philosophischen, das sich immer mehr von ihm löst. Kant hält am Absoluten fest, siedelt es aber außerhalb der Reichweite der menschlichen Vernunft an. Diese kann das Wahre, Gute, Schöne nur als Realitäten erkennen, die das menschliche Empfinden und die menschliche Vernunft beteffen und deren Gültigkeit bestimmten Konstanten und Regeln unterliegt. Mit seinen drei berühmten Kritiken – Kritik der reinen Vernunft (das Wahre), Kritik der praktischen Vernunft (das Gute) und kitik der Urteilskraft (die Zweckbestinmtheit, die Schönheit) — will Kant die Bedingungen der Möglichkeit aufzeigen, dieses menschliche Ideal zu erreichen. Die Französische Revolution setzt die Bewegung der Renaissance fort. Für Kant ist dieses EreiY1is so bedeutsam, dass er einmal sogar den Zeitpunkt seines täglichen Spaziergangs verschiebt, um sich über den Fortgang der Französischen Revolution unterrichten zu lassen. Diese meisselt ihre beiden ersten Ideale Freiheit (« Freiheit, ich schreibe deinen Namen ») und Gleichheit – bekanntlich in Stein und sogar in die Giebel der Kirchen. Auch die Brüderlichkeit kommt an die Reihe, aber erst neunundfinfrig Jahre später.

In der Videosphäre wird « Leistungsfähigkeit » zum legitimierenden Bezugsrahmen. In dieser Sichtweise bestehen die Menschen zunehmend darauf, dass eine Erfindung (die Idee, das vorgestellte Ideal), so gut und schön sie auch sei, doch immer auch zu einer realen Anwendung, zu ein oder zwei Innovationen fiihren muss. Von nun an muss vor allem den Beweis geliefert werden, dass etwas funktioniert, und zwar in Echtzeit. Hieraus erklärt sich auch der Kult der sportlichen oder sonstigen Leistung: Bestsellerkult, Rekordkult, der selber Gegenstand eines Buchs der Rekorde wurde, das ein Bestseller ist.

2. Das System der symbolischen Autorität ist in der Graphosphäre nicht mehr das Unsichtbare, sondern das « Lesbare

Das Unsichtbare verweist auf einen grundlegenden Mangel des menschlichen Daseins: das Unvermögen, den Grund aller Dinge zu erkennen, den Schöpfer. Über diesen Mangel wird man mit dem vertraut, was nicht überprüfbar ist. Nun bezieht man sich auf das Lesbare, das eine Art Sichtbares des Unsichtbaren ist: das Denken. Logisches Denken, Argumentation, Demonstation, Beweisfihrung sind ohne Geschriebenes, mit dessen Hilfe sie aufgestellt, abgesichert, nachvollziehbar, nachschlagbar, reproduzierbar und dank des Buchdrucks schließlich auch wirklich in großem Umfang reproduziert werden, schwer zu fassen.

In der Videosphäre wird das « Sichtbare  » zum symbolischen System der Autorität. Daher bekommt das Ereignis als gesehenes, als Fotografie, Film, Fernsehen, Video usw., eine solche Bedeutung. Dieses Primat des Sichtbaren darfman allerdings nicht falsch verstehen. Die Tatsache, dass es der Vermittlung durch die Medien bedarf, tut ihm keinen Abbruch. Im Gegenteil, gerade die Medien, vom Mikroskop über die Videokamera bis zum Teleskop, errnöglichen uns ein Hören und Sehen aufjede beliebige Entfemung. Da sie in unserer Wahrnehmung bloße Mittel zur Bildübertragung sind, bieten sie erhebliche Möglichkeiten fir Fehlinformationen. Volker Schlöndorff hat das in seinem Film Der Fälscher deutlich gezeigt. Wir sehen es aber auch daran, dass wir etwa fest an die Existenz von Massengräbem im rumänischen Temesvar glaubten, obwohl diese im Fernsehen nur durch einige wenige Leichen repräsentiert wurden.

3. Das « symbolische Organon » bestand in der Logosphäre aus der Religion und ihrer Theologie. In der Graphosphäreist es das « System und seine Ideologie « , was zu einer                                                                                                   

Hochblüte der „-ismen » fihrte: Aus Descartes Denken und Werk wird der Kartesianismus, aus dem Gemeinschaftsdenken der Kommunismus, aus der Region, der Nation, der Welt der Regionalismus, Nationalismus, Kosmopolitismus.

In der Videosphäre werden Systeme und Ideologien eher negativ gesehen. Sie sind « leere Ideen », « Hirngespinste », ein Wust von Abstaktionen. Das symbolische Organon sind nun « Modelle  » im Sinne unmittelbar realisierbarer Veranschaulichungen, vielfältiger Ausformungen, deren Existenz auch ohne die Zuhilfenahme von Glauben, Vernunft oder Experiment durch ihre Sichtbarkeit hinreichend bewiesen ist. Aus dieser Sicht werden das Reale, das Virtuelle und das Wahre ganz ungeniert vermischt (31).

 Die Formen können durchaus auch Fragmente der physikalischen Realität umfassen, wie in jener Kunsfrichtung, die mit den Collagen ihren Anfang nahm. So kommt es zur uneingeschränkten Entwicklung einer ganzen Interpretations- « Ikonologie « , in der neue Konventionen gelten, etwa beim Gebrauch von Abkürzungen, bei denen aus geechickt zusammengefigten Initialen ein neuer Sinn (CIVIS, CIRCE) oder ein schematisiertes Bild (ein « Logo ») entsteht.

4. Das Paradigma der Anziehung war in der Logosphäre der « Mythos  » (Mythen, Mysterien, Dogmen, Epen).

In der Graphosphäre ist es ein menschliches « Logos « , das Logos der logischen Utopien: Rabelais Abbaye de Théléme, Campanellas Sonnenstaat, Thomas Morus’ Utopia, Charles Fouriers Nouveau monde amoureux, usw. Rational begründete Systeme, Anweisungen zum vernunftgemäßen Handeln werden entwickelt. Hier geht es nicht mehr um das Logos der Logosphäre, das in den heiligen Büchem präsente göttliche Logos, sondern um ein menschliches Logos, das von klugen Köpfen rational entwickelt und über die Bücher allen Menschen zugänglich gemacht wird.

In der Videosphäre schließlich ist das Paradigma der Anziehung die « Imago« . Zwar war sie in Gestalt der Malerei (Ikonen, Fresken, Glasfenster, Illuminationen) auch in den früheren Kulturen präsent, stand dort jedoch gänzlich im Dienste des Göttlichen, des Unsichtbaren, des Dogmas. Sogar (ikonoklastische und ikonophile) Kulturkriege wurden über sie ausgefragen. Manche großen Religionen dulden sie, wenn es um ihr Allerheiligstes geht, auch heute noch nicht.

Mit dem Universum des Audiovisuellen (Fotografie, Film, digitale Bilder, virtuelle Bilder) sind wir nur vollends in das Universum der Imago eingetaucht. Es sind die aus dem Geiste der Wissenschaften vom Unsichtbaren (Mikroskope, medizinische Bilder, Einwegspiegel, Teleskope) erzeugten Techniken des Sichtbaren. Dies ist der kognitive Aspekt des Sichtbaren, der jedoch keineswegs einen emotionalen Aspekt ausschließt, dessen Macht über unsere Phantasien und Affekte das Untersuchungsobjekt diverser psychoanalytischer Ansätze ist.

Natürlich haben auch hier wieder die zu früheren Kulturen (Mythos und Logos) gehörenden Paradigmen der Anziehung ihre Funktion und Wirkung durchaus nicht verloren. Sie stoßen nun aber auf den Widerstand des Universums der Imago, das zur Zeit die größere prägende Kraft besitzt.

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