V. Multikulturell und interkulturell: Illusionen und Werte

V. Multikulturell und interkulturell: Illusionen und Werte

Die antagonistische adaptive Regulierung zwischen Schließung und Öfftung hilft uns zu verstehen, dass Multikulturalismus und interkulturell fir jeweils besondere Formen einer Verbindung gegensätzlicher Orientierungen stehen. In der Realität allerdings hat man es meist mit einem ganzen Komplex solcher Verbindungen zu tun, mit Multikulturellem,

Multikulturalismus und Interkulturellem. Über dem Streit um die Begriffe vergisst man, dass die Regulierung schwierig ist und jede allzu klare Alternative eine unzulässige Vereinfachung darstellt.

Theoretisch ist das klar, strategisch aber werden beide Positionen weiterhin von denKulturen, die sie entwickelt haben und keine andere wollen; als Waffen benutzt. In diesemSinne dienen beide Begriffe auch der Verschleierung, nämlich von Herrschaftsverhälmissen. Der eine Begiff behauptet, jeder könne bleiben, was er ist, sagt aber nicht, auf welcher Ebene der Macht; der andere tut so, als könnten wir eine gemeinsame Zukunft haben, sagt aber nicht, wer von uns mehr Zukunft hat. So lassen wir uns vom Steit um die Begriffe darüber hinweg täuschen, dass beide uns täuschen, und nvar beide über dasselbe: dass immer eines von diesen Herrschaftsverhältnissen entsteht und sich die Ideologie sucht, mit der es sich am besten aufrecht erhalten lässt.

In ihrer ideologischen Version präsentieren sich die beiden Positionen jeweils als die richtige Lösung fir die aktuellen Beziehungsprobleme zwischen den Akteuren unterschiedlicher bestehender Kulturen. Eben dadurch aber bleibt verborgen, dass die Symboliken des Multikulturellen und des Interkulturellen ständig weiter in die aktuellen Entwicklungen der Kulturen eingreifen. Sie wollen der Zukunft, um die es heute in den Kämpfen zwischen Akteuren, die um Vorteile flir die Kulturen ihrer Länder oder Gruppen oder Individuen ringen, eine andere Orientierung geben. Um diese unterschiedlichen Orientierungen zu verstehen, muss man sehen, dass sie sich aus den großen historischen Kulturströmungen – Gesellschaften mit Gemeinschaftscharakter, König- und Kaiserreiche, große Handelsnationen, Gesellschaften der weltweiten Information – und den großen Sektoren der menschlichen Tätigkeit – Religion, Politik, Ökonomie, Information zusammensetzen. Multikulturell und interkulturell sind nicht so sehr als Gegensätze zu sehen, als vielmehr gemeinsam auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beziehen. In der Vergangenheit waren beide, oft auch in Mischformen, an der Bildung der besonderen Kulturen beteiligt. In der Gegenwart liefern sie den ansonsten immer noch herrschenden Kulturen das eher differentialistische bzw. eher universalistische Motto, unter dem sie antreten.

Dies wird auch in Zukunft so sein, wie viel Mühe wir uns hier auch geben, um nachzuweisen, dass beide Begriffe nicht als gegensätzliche Lösungen fiir unsere Schwierigkeiten, sondern als unterschiedlich ausgerichtete Erscheinungfonnen unserer kulturellen Beziehungen und Adaptionen zu betrachten sind.

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