IV. Adaptative Notwendigkeiten, die dem Multikulturalismus und dem Interkulturelle zugrunde liegen

IV. Adaptative Notwendigkeiten, die dem Multikulturalismus und dem Interkulturellen zugrunde liegen            

So werden über dem Streit zwischen Multikulturalismus und interkulturell wesentliche Tatbestände aus den Augen verloren. Dies sind einerseits, wie wir gesehen haben, die kulturellen Wurzeln der Länder, in denen sich eine von beiden Orientierungen durchgesetzt hat: Länder wie Deutschland oder die angelsächsischen Länder, die eher auf Vielfalt und Ungleichheit aufbauen, oder Länder wie zum Beispiel Frankreich, die eher auf Einheit und Gleichheit setzen.

Andererseits gerät aber auch jene adaptive Notwendigkeit in Vergessenheit, die bedeutet, dass man sich niemals ohne Schaden fir sich selbst fir den einen Pol entscheiden und den anderen dabei völlig außer acht lassen kann. Dennoch wurde und wird auch heute noch oft behauptet, das Interkulturelle sei unmöglich, es sei denn in Gestalt einer gewaltsamen Transformation der einen Kultur durch die andere. Zum Beweis beruft man sich auf eine paradoxe Logik. Dieser Logik zufolge nimmt jeder die Kultur des anderen auf der Grundlage seines eigenen kulturellen Systems in sich auf. Dieses kulturelle System mache dann, indem es das von Außen Kommende assimiliert, eine Umgestaltung durch. Auf diese Weise und unter diesen Bedingungen bleibe der Multikulturalismus erhalten und sei das einzig Reale.

Diese Beschreibung, wie sie etwa bei Luhmann auftaucht, steht ganz in der philosophischen Tradition von Leibniz’ isolierter Monade. Sie heim den einen Teil der Wahrheit, verfehlt aber den anderen. Dank der antagonistischen Regulierung von « Schließung und Öffmng » sind wir in der Lage, beide Teile der Wahrheit zu fonnulieren, die in Piagets Theorie der Akkomodation sehr schön verdeutlicht werden. Ein Lebewesen muss sich erhalten und profitiert dabei von der Einheit, die es in seinem Verhälmis zur Umwelt darstellt: Zuviel Öfftung bedeutet Untergang. Gar keine öfftung aber bedeutet Erstarrung. Das Lebewesen muss sich außerdem erneuern, denn seine Umwelt verändert sich. Diese beiden Lebensnotwendigkeiten (Schließung und Öffnung) können nicht verschwinden. Aber das Multikulturelle und der Multikulturalismus einerseits, das Interkulturelle andererseits können die ganze Bandbreite der Variationen von Schließung und Öfftung nutzen, wobei am einen wie am anderen Pol die Möglichkeit besteht, in extreme Gewalt auszuarten oder in einen aktiven Prozess einzueten, der Konkurrenz und Kooperation in sich vereint (« coopétitif », aus « compétitif » und « coopératif »). So können das Multikulturelle und der Multikulturalismus, denen eine eher an Schließung orientierte Situation zugrunde liegt, im Extremfall in eine Segregation ausarten, die den anderen und seine Kultur unterdrückt, ja ernichtet, während das negative Extrem des Interkulturellen, das auf einer mehr an Öfhung entierten Situation beruht, in einer den anderen unterdrückenden, ja vemichtenden Assimilation besteht. In diesem komplexen, den sich wandelnden Realitäten eher entsprechenden Sinne stellen multikulturell, Multikulturalismus und interkulturell Tatbestände dar, die einer so unbezweifelbar sind wie der andere. Es gibt räumliche und zeitliche Entfernungen und Trennungen, aber ebenso auch Nähe und Begegnung. Den gegensätzlichen Fakten und Ideologien liegen zwei nicht aufhebbare Realitäten zu Grunde.

Im übrigen gibt es, wie gesagt, nicht nur ein einziges Multikulturelles, einen einzigen Multikulturalismus, ein einziges Interkulturelles. Sie alle können in ganz unterschiedlichen, positiven oder negativen Formen auftreten. Außerdem kommt es zwar vor, dass es nur das eine oder das andere gibt, viel häufiger aber sind das eine und das andere gegeben: nacheinander, gleichzeitig und manchmal auch durcheinander. Ihre mehr oder weniger gut angepassten Entgegen- und Zusammensetzungen spiegeln nur die jeweilige Dynamik zweier gegensätzlicher Notwendigkeiten wider: der Notwendigkeit, sich selbst (als Individuum, Gruppe, Organisation, Region, Land) zu bestätigen, und der Notwendigkeit, mit den anderen in einen Austausch zu treten.

Ein gründlicheres Verständnis der antagonistischen adaptiven Regulierung geht aber noch weiter. Es zeigt uns nämlich, dass der Gegensatz bereits im Kern unserer eigenen Anpassung angelegt ist. Der adaptive Gegensatz von Schließung und Öfffung ist uns allen gemeinsam, welcher Kultur wir auch angehören. Wir finden ihn in uns selbst. In der Kultur als demhistorischen Ergebnis der von uns ausgewählten und beibehaltenen Erfahrungen sind aber selber bereits Entscheidungen enthalten. So sind wir gespalten zwischen dieser bereits bestehenden Orientierung unserer Kultur und der adaptiven Möglichkeit des Menschen, zu einer anderen, besseren Regulierung zu gelangen (siehe Kapitel XVIII). Dank dieser Spaltung können wir darüber nachdenken, dass wir durch beide Orientierungen, die kulturelle wie die funktionale, uns selbst fremd werden können. Die anders gearteten kulturellen Positionen der anderen (Fremden) verweisen uns darauf, dass wir uns, so schwer es uns auch fällt, auch selbst in Frage stellen sollten.

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