II. Vom Multikulturellen zu den Multikulturalismen: Mehrdeutigkeit und Veränderungen

Sources. J. Demorgon Interkulturelle Geschichte der Gesellschaften. Kapitel III, s. 29-39 : Multikulturalismus und interkulturell: Fakten und Werte

II. Vom Multikulturellen zu den Multikulturalismen: Mehrdeutigkeiten und Veränderungen

So tritt der Begiff Multikulturalismus, wenn mit ihm nicht Fakten, sondem existentielle kulturelle und politische Lösungen bezeichnet werden, eher in Kulturen auf, in denen sich die Position der Akteure stärker über die Präsenz anderer Kulturen auf ein und demselben Territorium bestimmt. Die Existenz der anderen wird akzeptiert, weil sie mehr Vorteile als Nachteile bietet.

Dies war zum Beispiel zu einem bestimmten Zeitpunkt in den nordeuropäischen Kulturen mit Gemeinschaftscharakter der Fall. Der Multikulturalismus frat dort in Fonn jenes

Nebeneinanders auf, das den Zusammenhalt kleiner gesellschaftlicher Einheiten ermöglichte. Sie behielten ihre Autonomie und ihre Vielfalt, konnten sich aber bei drohender Gefahr (durch die römischen Heere zum Beispiel oder später durch die mongolischen Eroberer) auch zeitweilig zusammenschließen. Ein zweites, uns zeitlich näher liegendes Beispiel ist die Gründung der Vereinigten Staaten durch soziale Gruppen, die zwar ganz unterschiedlich, aber doch im Hinblick auf die Aneignung der früher den Indianern gehörenden Gebiete æindest symbolisch geeint waren. Diese Phase des relativen Arrangements folgt mitunter auf eine kiegerische Zeit, in der das Ziel eher die Vernichtung der anderen oder zumindest Ihre Vertreibung von einem bestimmten Territorium ist. Misslingt diese Vertreibung, können sich die verfeindeten sozialen Gruppen provisorisch arrangieren und das Territorium unter sich aufteilen wie heute zum Beispiel Griechen und Türken auf Zypern. Allerdings ist die Koexistenz von gerade noch verfeindeten sozialen Gruppen auf ein und demselben Territorium oft heikel. Sie kann friedlich bleiben, wenn es gemeinsame ökonomische Interessen gibt und das demografische Gleichgewicht nicht angetastet wird. Kommen dagegen ökonomische und demogafische Ungleichgewichte zusammen, können die Konflikte jederzeit wieder aufflammen. Typische Beispiele sind hier der Libanon,Jugoslawien und später Serbien und das Kosovo. In vielen Fällen wird der Frieden auch durch einen gemeinsamen Eroberer gestiftet, der die verschiedenen Kulturen dazu bringt, einander notgedrungen zu respektieren. So blieben bei der britischen Kolonisierung Indiens die ohnehin äußerst unterschiedlichen Kulturen dieses Subkontinents nebeneinander bestehen. Manchmal auch ist es der Eroberer selber, der marginalisierte Populationen toleriert, um sie ausbeuten zu können. Dann haben wir es mit einem Multikulturalismus zu tun, der nicht friedliches Nebeneinander oder wohlwollende Toleranz bedeutet, sondern Spaltung. Immerhin ist festzuhalten, dass sich selbst diese Art Multikulturalismus politisch verändern lässt, wie in Südafrika geschehen, wo nach Zeiten extremer Gewalt eine etwas weniger ungleiche und etwas friedlichere Koexistenz zustande kam. Auch eine solche

Tendenzwende ist also, wie man sieht, nicht ohne Beispiel. So hat der Multikulturalismus unvermeidlich mehr als ein Gesicht. Zunächst tat er oft in seiner erzwungenen, den anderen, die ihn nicht wollten, auferlegten Form auf. Hatte er sich eimnal durchgesetzt, wurde er jedoch durchaus nicht immer als ein Mittel zur Vemichtung dessen eingesetzt, was von den früheren Populationen übrig geblieben war. Oft erschien die Koexistenz vorteilhafter, etwa zumindest relativ – bei den alten Kulturen mit Gemeinschaftscharakter in Neuseeland und Australien. Der Multikulturalismus konnte also zunächst in vernichtender oder &ennender Form auftreten, dann zur Indifferenz übergehen und sogar zur moralischen Position erhoben werden, indem der Differentialismus in Gestalt der Achtung vor den Differenzen propagiert wurde.

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